Die zweite Corona-Welle rollt! Kurz vor den Weihnachtsfeiertagen stehen wir kurz vor dem nächsten Lockdown des öffentlichen Lebens. Und auch die Stimmung in der Bevölkerung droht zu kippen: Wir bemerken, dass das Verständnis, die Akzeptanz und die Solidarität in der Bevölkerung immer weiter schwinden, obwohl die Zahlen der Infizierten und der Todesfälle deutlich ansteigen.

Das liegt u.a. daran, dass die Corona-Kommunikation schlecht läuft, wenn nicht gar gescheitert ist. Das Szenario erfordert eine Mischung aus Krisen- und Veränderungskommunikation. Es ist jedoch keine nachhaltige Kommunikationsstrategie erkennbar. Dafür gibt es – aus unserer Einschätzung als Kommunikationsexperten – verschiedene Gründe, u.a. diese zehn:

  1. Die kommunikative Ursünde: Von Anfang an gibt es einen Widerspruch zwischen Kommunikation und Wirklichkeit. Zum Beispiel die seinerzeit langanhaltende Einschätzung des RKI, entgegen fundierter Expertenmeinung, dass das Virus nur gering bis mäßig gefährlich einzustufen ist. Oder die Behauptung, Masken würden nichts bringen.
  2. Der blinde Fleck: Es gibt viele Diskussionen (z.B. um Schulen, um Sperrstunden), die zwar relevant sind und geführt werden müssen. Ein Kernbereich wird allerdings sorgsam vermieden, nämlich aufzuzeigen, dass ein hohes Risiko, eine hohe Mortalität vor allem alte Menschen betrifft und die Situation bspw. in den Alten- und Pflegeheimen wieder eskaliert. Hier fehlt zudem ein stringentes, wirksames Konzept.
  3. Erkennbare Inszenierung: Einige der politischen Akteure bringen, neben dem ernsthaften Anliegen, die Bevölkerung zu schützen, ihre eigene Agenda mit (keine stabile Corona-Koalition). Zudem sind die ritualisierten Zusammenkünfte von Bund und Ländern auf der Ergebnisebene recht dünn, werden aber mühsam als wichtiger Fortschritt präsentiert. Hier wird Vertrauen verspielt. Aktuell wird deutlich, dass die Bundeskanzlerin mit den Beschlüssen unzufrieden ist.
  4. Beruhigungskommunikation: Mit den Maßnahmen wurde lange Zeit der Eindruck vermittelt, man habe die Lage im Griff bzw. dass wir die Ausbreitung des Virus steuern können. Umgekehrt wird deutlich, dass weder Bund noch Länder das Virus wirklich unter Kontrolle haben. Es geht eher um den Versuch der Schadensbegrenzung, der nur bedingt funktioniert. Dieser Kontrollverlust ist in unserer Risiko-aversen Gesellschaft schwer auszuhalten. Dabei wirken die Appelle an die Bevölkerung mitunter hilflos.
  5. Kommunikative Konzeptlosigkeit: Es wird maßgeblich über politische Statements informiert, föderal divers. Aufgrund verschiedener Positionen und (Experten-)Meinungen gibt es hier keine klare Orientierung. Beschlüsse werden umgehend, vorher, nachher, hinterfragt. Das führt ebenfalls zu Verunsicherung in der Bevölkerung. Eine aktive Kampagne zur Solidarität fehlt. Der Spot #EchteHelden spaltet mehr, als dass er die Zielgruppe mobilisiert. Der „Sense of urgency“ geht verloren.
  6. Das Seher-Dilemma: Die Zeit im Frühjahr und Sommer wurde nicht genutzt, sich auf die zweite Welle im Herbst/Winter vorzubereiten – obwohl sämtliche Virologen nahezu einhellig gewarnt haben. Sie wurden nicht gehört. Auf dem Ohr waren die Gesamtbevölkerung und viele Entscheider taub.  Die Empfehlung für die Cluster- und Teststrategie wurde ignoriert. Das rächt sich jetzt – bei den Gesundheitsämtern, in den Kliniken, in Altenheimen, Schulen, im ÖPNV usw. – wird aber gerne verschwiegen.
  7. Verordnungskommunikation: Viele Entscheidungen sind nicht nachvollziehbar. Obwohl sie sich vorbildlich vorbereitet haben, werden Restaurants, Theater etc. geschlossen. Die Kultur, Musik, Event-Branche wird verständnislos in den Ruin getrieben. Jetzt im Weihnachtsgeschäft wird dem stationären Handel der letzte Stoß gegenüber Online versetzt. Lufthansa oder die Autobranche erhalten hohe Subventionen. – Auch das ist für die breite Bevölkerung so nicht nachvollziehbar und wird nicht schlüssig begründet. Hier müsste deutlich intensiver aufgeklärt, begründet und für die Maßnahmen geworben werden, bspw. in Form einer Solidaritätskampagne. Ein umfassender politischer Diskurs mit der Bevölkerung ist nicht gegeben.
  8. Der Kaninchen-Blick: Es werden vor allem die Schäden durch Corona fokussiert betrachtet, allerdings nicht übersichtlich stringent. Es ist die Situation des Kaninchens vor der Schlange. Effekte aus den Lockdown-Maßnahmen, langfristige Effekte werden nicht transparent dargestellt, globale Effekte (ausbleibende Hilfen für ärmste Regionen, Malaria etc.) werden ignoriert. Dabei wird inzwischen deutlich, dass auch der sprichwörtlichen Bazooka irgendwann das Geld ausgeht. Und das Geld wird in der Zukunft fehlen. Hier geht der Streit zwischen Bund und Ländern gerade los – und wird für weitere Instabilität sorgen.
  9. Das Heilsversprechen: Es wird stark auf die Karte „Impfstoff“ gesetzt, obwohl höchst ungewiss ist, welcher Impfstoff in welchem Umfang wirkt – und in welchem Zeitraum verfügbar ist. Das Virus ist damit nicht sofort verschwunden – und das ist auch weiten Teilen der Bevölkerung klar. Die Perspektive zu geben ist wichtig, allerdings riskant – wenn der Impfstoff die Erwartungen nicht erfüllt.
  10. Das Weihnachtsmärchen: Das der Shutdown über den November hinausgehen würde, war von vornherein klar. Die Lockerungen über Weihnachten sahen Experten von vorneherein kritisch. Direkt im Anschluss preschten einige Politiker mit neuen Zeithorizonten vor. Im Ergebnis kein solides, vertrauenerweckendes Bild. Ohne Grundlagen wurde ein Weihnachtsversprechen gemacht, das nicht einzuhalten ist. Denn aktuell ist eine erneute Verschärfung der Situation zu erwarten.

Als Strategieexperten empfehlen wir, sowohl in der aktuellen akuten Situation als auch mit Blick auf die weiterhin herausfordernden Monate so schnell wie möglich ein systematisches, nachhaltiges Kommunikationskonzept aufzustellen. Es braucht dringend neue Ansätze, um die Gesamtbevölkerung umfassend, transparent und nachvollziehbar zu informieren und als Beteiligte einzubinden. Dazu darf nicht weiter auf Heilsversprechen oder politisch gefärbte Statements gesetzt werden. Es braucht fortan eine Kommunikation, die auf Solidarität, Verständnis und Dialog basiert!